Beschenkt statt religiös

Christlicher Glaube ist sehr anders als das, was man üblicherweise als religiös bezeichnet.

Religiös ist ein Mensch, wenn er eine Beziehung zu Gott oder Göttern aufnehmen will, mithilfe von Riten, Meditation oder anderen Praktiken, die je nach Religion sehr verschieden aussehen können.
Gemeinsam ist ihnen aber, dass der Mensch bei sich anfängt, also etwas tun (und natürlich auch unterlassen) muss, um dadurch Gott zu gefallen. Oft stellt sich dabei die Frage, ob das, was ein Mensch tut, wirklich ausreicht. Viele sagen, dass sie das nicht sicher wissen, oder auch gar nicht wissen können. Das gilt zum Beispiel für Muslime und auch viele traditionell „christliche“ Menschen.
Andererseits erlaubt das religiöse Handeln dem Menschen einen gewissen Stolz auf seine religiösen Leistungen.
Oft verbindet sich das aber leider mit großer Unduldsamkeit gegenüber allen, die dieser Religion nicht angehören oder sie nicht mit dem geforderten Einsatz praktizieren.

Richtig verstandener christlicher Glaube dagegen beginnt nicht mit dem Menschen und seinen Verpflichtungen einer Gottheit gegenüber, sondern mit Gott selbst. Es wird zunächst einmal nüchtern eingestanden, dass der Mensch:
• keine Chance hat, von sich aus Gott zu erkennen. Nur wenn Gott sich uns zeigt, wenn er selbst die Initiative ergreift, ist eine Beziehung zu ihm möglich.
• keine Chance hat, durch sein eigenes Bemühen Gott zu gefallen. Und zwar deshalb, weil er einbezogen ist in eine satanische Rebellion gegen Gott. Luther erkannte zum Beispiel sehr klar, dass all sein frommes Tun in einem Kloster ihn Gott nicht näher bringen konnte.
Anders als in typischen religiösen Schriften stehen in der Bibel nicht irgendwelche Appelle an den guten Willen des Menschen oder Ver- und Gebote im Mittelpunkt (obwohl es natürlich auch Gesetze darin gibt), sondern das Tun Gottes. Er ist zuerst einmal der Schöpfer, von dem wir völlig abhängig sind und den wir nicht mit unseren Leistungen beeindrucken können. Und er begegnet uns in Jesus Christus, wird Mensch, kommt auf unsere Ebene herunter. Damit befreit er uns von dem aussichtslosen Versuch, zu ihm hochsteigen zu wollen. Alle religiösen und philosophischen Spekulationen sind somit hinfällig – Gott hat sich selbst gezeigt. Und zwar als der, der stellvertretend unsere Schuld auf sich nahm. Der am Kreuz für uns starb. Der uns, die wir gegen ihn rebelliert haben, die Möglichkeit gibt, mit ihm versöhnt zu werden – nicht auf der Grundlage unseres eigenen Bemühens, sondern indem wir annehmen, was er für uns getan hat. Erst dadurch kann sich unser Leben nachhaltig positiv verändern, können wir Gott wirklich lieben und ihm gehorchen.
Christen sind also reich beschenkte Menschen. Darum haben sie keinen Grund zum Stolz. Und auch keinen Grund zur Intoleranz gegenüber anderen, denn sie wissen, dass sie ihre Stellung als Kinder Gottes der Initiative Gottes verdanken, seiner unverdienten Gnade. Darum können sie aber auch nicht anders als herzlich und leidenschaftlich einzuladen zum Glauben an den Gott, der in Jesus Christus der Schenkende, der Gebende ist.